Tomb Raider: Definitive Edition (PS4)

Kaum ein Reboot war gelungener als jener von Lara Croft in “Tomb Raider“ Anfang des Jahres 2013. Weniger als zwölf Monate später gerät die junge Archäologin dank der sogenannten “Definitive Edition“ auf der neuen Konsolengeneration wieder in den aufregenden Überlebenskampf und nähert sich dem technischen Niveau der PC-Version. Nicht mehr und nicht weniger, denn spielerisch bleibt alles beim Alten.

 

Wiedergeburt einer Ikone

Der abenteuerliche Geschichtsverlauf bleibt unberührt: Als Schiffbrüchige bekommt es die aufstrebende Jung-Archäologin Lara Croft während ihrer Suche nach anderen Besatzungsmitgliedern mit einer mysteriösen Sekte zu tun. Auf der großen Insel wird sie von eben jener gefangen genommen und muss sich fortan nicht nur durch die gefährliche Umgebung kämpfen, sondern einen unglücklich gestrickten Charakterwandel vollziehen, nämlich den von der schüchternen Heranwachsenden zur skrupellosen Tötungsmaschine innerhalb weniger Augenblicke. Diese eigentlich ambitionierte Entwicklung ist schon nach wenigen Spielminuten nur noch schwer nachvollziehbar und wenig glaubwürdig, obwohl die Präsentation doch in eine realistische Richtung geht mit den vorgetragenen Tagebuch-Einträgen an Feuerstellen oder Videoschnipseln im wackligen Found-Footage-Stil (unter anderem bekannt aus Spielfilmen wie “The Blair Witch Project“).

Trotz der fehlenden Glaubwürdigkeit - schließlich handelt es sich immerhin noch um ein Videospiel - leidet der Spieler immer wieder mit Lara mit, etwa wenn sie sich nach schweren Stürzen oder Angriffen ihrer menschlichen sowie tierischen Widersacher zur nächstgelegenen Feuerstelle quält, um zu verschnaufen. Die Story verkommt zwar zeitweise zur Nebensache, wird aber immer wieder mit rasanten und plötzlichen Wendungen erzählt. Beispielsweise scheint die erlösende Rettung oft zum Greifen nah, nur damit das Drehbuch im nächsten Moment schmerzhafte Schläge in die Magengegend verteilt und den Spieler somit aus der Euphorie auf den überwucherten Boden der Tatsachen zurückholt. Der Spielfluss leidet jedoch zu keinem Zeitpunkt an dieser Oberflächlichkeit, von der insbesondere sämtliche Nebenfiguren betroffen sind, denen die großen Sympathiewerte von Miss Croft einfach nicht gegeben sind. Mit zwölf bis zwanzig Stunden bietet das Action-Adventure angemessenen Umfang.

 

Rambo würde Tomb Raider kaufen

Der Überlebenskampf entspricht abseits der gelungenen Klettersequenzen einem unterhaltsamen Spießroutenlauf mit geballten Schießereien sowie optionalen Schleicheinlagen, je nachdem wie es der Spieler in der gegebenen Situation gerade bevorzugt. Negativer Aspekt könnte sicherlich die anfänglich erweckte Erwartungshaltung zum Survival-Thema sein, denn gerade innerhalb der ersten Spielmomente pirscht sich die Überlebende noch an Tiere heran, um sich Nahrung zu beschaffen. Das kann sie fortlaufend immer wieder tun, wirklich relevant oder gar von essenzieller Bedeutung ist diese Vorgehensweise nicht mehr. Vielmehr konzentriert sich das Geschehen auf ausgeprägte Abwehrkräfte in Form von bleihaltigen Argumenten. Die am Lagerfeuer durch verdiente Fähigkeitspunkte aufwertbaren Waffen wie Pistole, Schrotflinte oder Maschinengewehr fühlen sich beim Abfeuern angenehm griffig an. Zum Shooter-Trend 2013 zählte das spielerische Comeback von Pfeil und Bogen. Nicht nur in Spielen wie “Crysis 3“, sondern auch in “Tomb Raider“ ist der beherzte Griff zum Köcher sowohl spaßige wie effektive Angelegenheit zugleich. Präzise abgegebene Salven, vornehmlich aus der Schutz bietenden Deckung heraus, lassen Feinden kaum eine nennenswerte Chance den Abspann mitzuerleben.

Auch wenn die weitläufigeren Gebiete immer wieder durch Schlauchpassagen verbunden sind, gibt es dennoch eine Menge zu entdecken, was einer angehenden Grabräuberin nur entgegen kommen kann. Die Areale sind nämlich voll gespickt mit versteckten Gegenständen und motivierenden Herausforderungen, zu denen die besonders gelungenen Grabstätten mit Rätseleinlagen gehören. Immer wieder spielen physikalische Phänomene wie Feuer oder Wind bei der Lösung eine wichtige Rolle, um an die begehrten Schätze zu gelangen. Solch clevere Einlagen dürfen im Nachfolger noch etwas mehr ausgebaut werden und komplexer daherkommen. Insgesamt fügen sich diese optionalen Nebenaufgaben gut und glaubhaft in die Umgebung ein. Man merkt an allen Ecken und Enden, dass die Entwickler sich ihre Gedanken über die Spielmechaniken gemacht haben, denn selbst gehobene Schätze erzählen ihre eigene Geschichte. Diese können noch intensiver untersucht werden, um etwaige Geheimnisse preiszugeben. Praktisch: Um nicht zwischen den bereits besuchten Schauplätzen langwierige Fußmärsche einzuschlagen, bieten alle Feuerstellen eine Schnellreisefunktion an.

Außerdem findet Lara mit fortlaufender Spieldauer immer neue Utensilien, beispielsweise Seilpfeile oder Kletteräxte. Mit Hilfe dieser sind hohe oder weit auseinanderliegende Hürden zu meistern. Insbesondere bei den Klettereinlagen wird ein gewisses Anstrengungsgefühl gut vermittelt, denkbar wäre auch eine Ausdauer-Variante aus “I Am Alive“ gewesen, um hier noch eine Prise Spannung einzustreuen. Häufig und völlig überraschend kommt es zu spannenden Spielsituationen, wenn kopfüber in einer Schlinge hängend die Gegner anrücken, hungrige Wölfe sich durch raschelnde Gebüsche auf ihr vermeintliches Opfer in der Bärenfalle stürzen oder es zu rasanten Fluchtmomenten aus allen möglichen Blickwinkeln kommt. Das alles ist mit dem Gamepad wunderbar flüssig spielbar und lässt nahezu keine Wünsche offen. Zu den Neuerungen der “Definitive Edition“ zählen Sprachanweisungen, vornehmlich zum Waffen- bzw. Ausrüstungswechsel. Ein Feature, das ruhigen Gewissens vernachlässigt werden kann. Zu den definitiven Kaufgründen gehören im Gegenteil dazu Bonusinhalte wie alle bislang erschienenen Download-Inhalte, z. B. neue Herausforderungen.



 

Mehrspieler

Zwar liegt der Fokus deutlich auf dem filmreifen Singleplayer-Erlebnis, ein Mehrspielermodus hat es trotzdem ins fertige Spiel geschafft. Mit bekannten Varianten von Team-Deathmatch, Capture-the-Flag, Domination sowie das klassische Deathmatch stellen die Begegnungen mit menschlichen Spielern nicht mehr als einen netten Zeitvertreib dar. Erfahrungspunkte, damit verbundene Stufenanstiege und Belohnungen können nur kurzzeitig vom Lagerfeuer weglocken, zumal der Kartenumfang mehr als dürftig ausfällt. Der neue Multiplayer-Hit ist Tomb Raider aber definitiv nicht.

 

Kristallklare Augenweide

Der Hauptgrund für die Veröffentlichung von “Tomb Raider: Definitive Edition“ für PS4 und Xbox One sind deren technischen, deutlich größeren Möglichkeiten gegenüber den Konsolenversionen PS3 und Xbox 360. Im Kern bleibt es nämlich genau das gleiche Spiel wie vor einem Jahr, grafisch hat man sich mit der Überarbeitung definitiv der PC-Version angenähert, ohne diese jedoch zu übertrumpfen. Die Crystal Engine lässt ihre Muskeln spielen, unter anderem mit höherer Auflösung und allgemein höherer Bildrate. Dabei gewinnt das Pendant das Duell gegenüber der Xbox One mit 60 zu 30 Bildern pro Sekunde. Weitere Verbesserungen finden sich in Physikspielereien, Effekten und knackigeren Texturen.

 

Brillante Vertonung

Beim Sound hat sich hingegen wenig getan. Schauspielerin Nora Tschirner (bekannt aus “Keinohrhasen“) vertont die junge Lara Croft sehr passend. Die eigentliche deutsche Synchronsprecherin Claudia Urbschat-Mingues (bekannt als deutsche Stimme von Angelina Jolie) hätte im Hinblick auf das Alter der Titelheldin ohnehin nicht gepasst. Alle anderen Stimmen wurden ohne Ausreißer professionell synchronisiert und auch die Geräuschkulisse fügt sich gut ins Geschehen. Aus dem Lautsprecher des PS4-Controllers ertönen zusätzliche Umgebungseffekte, beispielsweise Tierlaute. Im Optionsmenü lässt sich diese akustische Unterstützung jederzeit ausschalten.

Hier noch der offizielle Next-Gen-Trailer:


Fazit

Bereits mit der PS3-Version im letzten Jahr hatte ich meine helle Freude, denn die Serie hatte nach dem Desaster von “Tomb Raider: Angel of Darkness“ und dem erfolgreichen Übergang zu Crystal Dynamics zuletzt mit “Tomb Raider: Underworld“ wiederum deutliche Abnutzungserscheinungen gezeigt. Doch aus den Fehlern der Vergangenheit hat man gelernt, denn der Reboot kommt nicht nur zur rechten Zeit, sondern präsentiert sich auch auf der neuen Konsolengeneration als handfestes Actionfest im Stile von “Uncharted“ & Co.Wer Miss Crofts Abenteuer bislang noch verpasst hat und keinen leistungsstarken PC sein Eigen nennt, sollte jetzt unbedingt zugreifen, zumal PS4 und Xbox One nach dem Launch Ende 2013 noch mit echten Hits geizen. (CHRISTIAN SCHMITZ)


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