Enemy Front (PS3)

Ego-Shooter zum Thema Zweiter Weltkrieg schlummern eigentlich nach ihrer jahrelangen Verwurstung schon lange im Ablagefach der Videospielbranche. Der Trend geht seitdem wieder vermehrt in das Gegenwarts- oder Zukunftsszenario. Doch die Scharfschützen-Spezialisten von CI Games („Sniper: Ghost Warrior“ und „Alien Rage“) haben doch noch etwas in dieser Angelegenheit nachzutragen und veröffentlichen einen prinzipiell interessanten Widerstandskampf rund um den damaligen Kriegsschauplatz Warschau. Die technische Umsetzung der Konsolenfassungen sorgt für Zündstoff.

 

Von Reportern und Freiheitskämpfern

Robert Hawkins, seines Zeichens Frontberichterstatter während des Zweiten Weltkriegs, hat genug vom Dasein als Schreiberling und tritt der polnischen Widerstandsbewegung gegen die nationalsozialistischen Besatzungsmacht bei. In spielerischen Rückblicken erfährt man, dass die Entführung einer wichtigen Kontaktperson zu diesem raschen Berufswechsel beigetragen hat. In der Vergangenheit kämpfte er bereits Seite an Seite mit Gruppierungen in Norwegen, Frankreich und Deutschland um die Freiheit. In Warschau kommt es für ihn und seine Wegbegleiter zur entscheidenden Schlacht.

Das Geschehen erstreckt sich in der zehnstündigen Einzelspielerkampagne über realistisch anmutende Szenarien mit zeitlich beliebig eingefügten Rückblenden. Diese geben erzählerisch auch nur wenig Auskunft darüber, wie man als Reporter innerhalb kürzester Zeit zum erfahrenen Soldatenhaudegen aufsteigt. Offenbar ist Hawkins ein gefragter Mann und stößt als Retter in der Not in umkämpfte Konfliktherde voller blasser Nebenfiguren vor, die ganz offensichtlich nur auf sein Eintreffen gewartet haben, um doch noch eine entscheidende Wendung herbeizuführen. Die Handlung bleibt deshalb trotz aller Bemühungen mit zahlreichen Zwischensequenzen unglaubwürdig. Viele Sequenzen zeigen dennoch sehr drastisch die Verbrechen und Leiden der Kriegszeit, beispielsweise die willkürlichen Erschießungen von Zivilisten oder stark verwundete Opfer in einem Krankenhaus, die um Hilfe flehen.

 

Ballern, Schleichen, Sabotage und ein großes Problem

Ballern, Schleichen und Sabotage sind die Faktoren in den 16 Hauptmissionen, die in drei wählbaren Schwierigkeitsstufen Spielspaß bieten sollen. Zu den Hauptzielen, etwa Stellungen zu verteidigen oder zu erobern, Panzer zu vernichten, Offiziere auszuschalten oder Anlagen zu sabotieren und zu infiltrieren, generieren sich optionale Nebenaufträge. Anfangs treffen wir nämlich immer wieder auf Widerstandskämpfer in Not und eilen rasch zur Hilfe, bevor diese das Zeitliche segnen. Belohnungen winken dann, neben dem guten Gefühl, Mitstreiter in prekärer Lage unterstützt zu haben, in Form von Waffen sowie Munition.

Darüber hinaus wird der Spieler an wenigen Stellen vor die Wahl gestellt: Als unterstützender Scharfschütze aus erhöhter Stellung oder sich wie ein Frontschwein am Boden den Widersachern stellen, sich in das Gebäude hereinschleichen oder den Frontalangriff wagen? Von diesen Entscheidungen hätte „Enemy Front“ durchaus mehr vertragen können. Aufgesetzt wirken hingegen Fragen, welche Waffe denn mitgeführt werden möchten, zumal sich ein abgelehnter Schießprügel trotzdem im nächsten Moment aufnehmen lässt. Neben der Pistole können noch bis zu zwei Flinten mitgenommen werden.

In erster Linie wird geballert. Pistolen, Maschinengewehre, Schrotflinten, Granaten, Molotowcocktails oder Scharfschützengewehre wollen eingesetzt werden gegen die Schießbuden-KI mit ihren grob fahrlässigen Aussetzern sowie sinnlosen Frontalangriffen direkt ins Mündungsfeuer des Widerstandskämpfers. Munitionskisten sind jedenfalls großzügig in der Umgebung verteilt, so dass es nie an Patronen mangeln sollte. Wenn doch, dann wurde wahrscheinlich eine Geschützstellung übersehen, welche der Spieler nutzen kann, um ohne Rücksicht auf Verluste alle Feinde effektiv zurückzuschlagen. Über Kimme und Korn lassen sich die Gegner noch gezielter anvisieren. Ein ebenso bekanntes Element findet sich im Aufbrechen mancher Tür wieder, wenn das Geschehen dann für wenige Augenblicke in Zeitlupe abläuft und das Überraschungsmoment klar aufs Seiten des Spielers ist.

Als Zoom- und Schusstaste müssen übrigens die beiden hinteren Schultertasten des Gamepads herhalten. Weil sich die Steuerungsbelegung nicht ändern lässt, fällt die Bedienung daher anfänglich etwas ungewohnt aus. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit sollte dieses Manko jedoch behoben werden. Das weitaus größere Problem geht einher mit der schlimmen Grafikperformance in den Warschauer Bezirken. Durch die ständigen Framerate-Einbrüche wirkt das Gefühl besonders ungenau und schwammig, obendrein scheint die Spielfigur wie auf Schienen zu gleiten. Das Shooter-Erlebnis wird so konsequent zur beinahe unspielbaren Qual. Durch die mangelhafte Zielgenauigkeit gehen einige Kämpfe unfreiwillig verloren, die automatische Gesundheitsregeneration versagt und die ungünstig postierten Rücksetzpunkte fallen umso mehr ins Gewicht. In den Levels außerhalb Warschaus tritt diese Erschwernis deutlich in den Hintergrund, denn hier läuft das Spielerlebnis deutlich flüssiger ab. Ein Patch sollte hier schleunigst Abhilfe schaffen.

Vielerorts ist eine vorsichtige Herangehensweise vorteilhaft, die jedoch Geduld, Geschicklichkeit und optimales Timing abverlangt. Beim Schleichen helfen insbesondere die Sichtbarkeitsanzeige sowie eine Minikarte am linken unteren Bildschirmrand. Idealerweise werden Gegner bereits aus sicherer Entfernung mithilfe des Fernglases ausgespäht und praktisch markiert. Zur Ablenkung dienen geworfene Steine oder ein- bzw. ausgeschaltete Schallplattenspieler. Auch Licht und Schatten sind von Bedeutung, wenn auch nicht so essentiell wie in „Thief“ oder „Splinter Cell“. Dann wird sich an die Beute vorsichtig herangepirscht und per Stealth-Kill schnellstens ausgeschaltet. Alternativ dient der Überwältigte als Geisel, mal sehen, wie viel er den Kameraden wert ist. Von Ignoranz, zögernden Verhalten bis hin zur Aufgabe konnten verschiedene Reaktionen festgestellt werden. Ausgeschaltete Feinde können aufgehoben und weggetragen werden, was sich in der Praxis als überflüssig erweist, weil sich alle erledigten Gegner ohnehin nach kurzer Zeit in Luft auflösen.



Vor allen Dingen mit dem Scharfschützengewehr und einer gesunden Mischung aus ballernder und schleichender Vorangehensweise setzt sich in „Enemy Front“ insbesondere in der zweiten Spielhälfte der Spielspaß durch. Denn beim genaueren Hinsehen offenbaren die Gebiete außerhalb der streng linearen Abschnitte in Warschau mehr als nur einen Weg zum Ziel. Gelungene Volltreffer aus großer Entfernung werden mit der Kill-Cam honoriert, die in Zeitlupe die Schussbahn der abgefeuerten Patrone bis zum erfolgreichen Einschlag zeigt. Es kommt mitunter sogar zu Situationen, in denen der Schütze seine gezielten Abschüsse mit kurzzeitig übertönenden Umgebungsgeräuschen genau abpassen muss, beispielsweise in Verbindung mit Raketenstarts oder Betriebsgeräuschen einer Bahn. An diesen Stellen konnte der Entwickler seine positiven Erfahrungen mit „Sniper: Ghost Warrior“ einbringen. Tatsächlich erinnert auch das vorliegende Werk in seinen guten Momenten an eben soliden Sniper-Titel und an ältere Genre-Vertreter wie „Project: I.G.I.“.

 

Zusammen wenig erleben

Über den Multiplayer-Modus lässt sich leider nicht viel berichten, denn vom Testzeitpunkt bis wenige Tage nach der Veröffentlichung war kein Zugriff auf die Online-Server möglich. Ohnehin liest sich der magere Umfang auf dem Papier wie ein schlechter Witz, denn nicht mehr als drei bekannte Modi wie Deathmatch oder Team-Deathmatch sind auf vier Karten spielbar. Der Limited Edition DLC wertet dies mit jeweils vier weiteren Charakteren und Waffen nur geringfügig auf.

Technisches Feindbild

Grafisch baut „Enemy Front“ auf das bewährte Gerüst der CryEngine 3. Das Ergebnis der Konsolenversionen ist nicht nur optisch überwiegend ernüchternd, sondern wirkt sich wegen der anhaltenden Ruckeleinlagen in Warschau, wie an vorheriger Stelle bereits erwähnt, negativ auf den Spielablauf aus. Zu den hässlichen Auffälligkeiten gehören grobe Gesichter ohne erkennbare Mimik, staksige Animationen, matschige Texturen, aufpoppende Hintergründe, penetrantes Kantenflimmern, unzählige Clipping-Fehler sowie kümmerliche Explosionseffekte. Hinzu kommen immer wieder auffällig flackernde Oberflächen und Schatten. Stärken hingegen finden sich in den atmosphärischen Nachteinsätzen im Dunkeln oder bei den generell zerstörbaren Objekten, wozu auch Deckungsmöglichkeiten gehören. Überraschende Highlights sind die Ladebildschirme, bei denen die Kamera gekonnt ästhetisch durch ein Standbild eines umkämpften Schauplatzes fährt.

 

Sound zum Abschalten

Besser gestaltet sich da schon die Akustik. Die deutschen Sprecher wirken vereinzelt bekannt und tragen ihre Dialoge ohne nennenswerte Negativausfälle vor, wenn auch wenig lippensynchron. Unterhaltsam gestalten sich Gespräche zwischen Gegnern, wenn diese sich scheinbar unbeobachtet fühlen. Die Musikuntermalung ist dynamisch, wechselt immer wieder zwischen ruhigen und pompösen Passagen und verhaut sich insbesondere zu Beginn des Abenteuers in Sachen Passgenauigkeit etwas zu häufig. Cris Velasco, der schon Stücke für „God of War“ oder „Borderlands 2“ beisteuerte, hat schon besseres vollbracht. Für den abschließenden Dämpfer sind die kraftlosen Waffeneffekte verantwortlich.


Fazit

„Enemy Front“ hat im Vorfeld große Versprechungen gemacht. Diese finden sich auch zweifelsfrei im fertigen Spiel wieder, dafür qualitativ eher durchwachsen. Die fehlerhafte Technik macht dem ambitionierten Titel dabei auf den Konsolen einen dicken Strich durch die Rechnung, denn die Abschnitte in Warschau machen durch die anhaltenden Ruckelorgien nur bedingt Spaß. Der stellt sich dafür auf den Nebenschauplätzen ein, insbesondere die zweite Hälfte des Widerstandskampfes deutet mehr als das an, was an Potenzial in diesem Spiel steckt. Letztendlich bleibt aber das zweifelhafte Prädikat, nur ein weiterer Ego-Shooter unter vielen anderen zu sein. (Christian Schmitz)


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Enemy Front

Enemy Front - Inhalte der Limited Edition angekündigt
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