The Walking Dead: Survival Instinct

 

Was unlängst mit der Adventure-Umsetzung von Telltale überraschend erfolgreich gelang, will nun als Survival-Action-Roadtrip aus der Ego-Perspektive fortgeführt werden. Entwickler Terminal Reality schickt zwei bekannte Figuren der sehenswerten TV-Serie "The Walking Dead" mit dem Auto durch das Endzeitszenario, wo sie jedoch mit angezogener Handbremse von der Erfolgsspur abkommen. Im Kofferraum: gute Ideen und kanisterweise ungenutztes Potenzial.

Nervenkitzel mal anders

Die Geschichte von "The Walking Dead: Survival Instinct" erstreckt sich über zwölf kurze Abschnitte und wird im Gegensatz zur TV-Serie und den Comics mit sechs bis sieben Spielstunden schnell erzählt. Zeitlich vor der TV-Adaption angesiedelt, stirbt der Spieler in der zerfleischten Haut von Gevatter Dixon schon nach wenigen Schritten durch den Gnadenschuss von Sohnemann Daryl. Dieser ist seines Zeichens knallharter Überlebenskünstler und weiß genau, was Angriffe von Zombies für ihre verletzten Opfer bedeuten. Irgendwann verwandeln sie sich unweigerlich selbst in Untote, nur eine gezielte Zerstörung des Gehirns bringt Erlösung. Außer der spielbaren Figur Daryl und seinem ruppigen Bruder Merle tauchen keine bekannten Charaktere der Vorlagen auf. Auf dem schwierigen Weg nach Atlanta trennen sich die Wege der beiden des Öfteren. In der amerikanischen Metropole sollen Gerüchten zufolge die Evakuierungschancen deutlich höher liegen als in den ländlichen Gebieten, wo kaum noch eine lebendige Menschenseele anzutreffen ist. Außerdem halten sich hartnäckige Spekulationen um ein angebliches Heilserum gegen die Zombie-Seuche.

Die Präsentation fällt ernüchternd aus, wenige Zwischensequenzen und oberflächliche Dialoge halten eine vor sich hin faulende Story ohne nennenswerte Nebencharaktere zusammen. Im Grunde genommen fährt Daryl nur von Schauplatz zu Schauplatz und sieht bei der Gelegenheit nach, was er zwischen Leichen, abgetrennten Gliedmaßen und einer ganzen Menge Blut mitnehmen kann. Besonders einprägsame Ereignisse wie der plötzliche Alarm im Labor und dem damit verbundenen Überfall von Gegnern bleiben die Ausnahme, Schockmomente oder Grusel spielen sich hauptsächlich im Unterbewusstsein des Spielers ab, etwa bei nächtlichen Erkundungsgängen im spärlichen Taschenlampenschein.

Überlebenskünstler im Schwitzkasten

Eigentlich könnte man mit "The Walking Dead: Survival Instinct" kurzen Prozess machen, denn als Ego-Shooter funktioniert das ambitionierte Projekt spielerisch eher schlecht als recht. Die Auswahl an Schusswaffen fällt bescheiden aus, denn mehr als Scharfschützen- sowie Sturmgewehr, Schrotflinten, Pistole und Revolver wird nicht geboten. Das Waffengefühl ist nur träge umgesetzt, der Spielablauf gestaltet sich streng linear, sinnvolle Interaktionsmöglichkeiten sind kaum vorhanden und die künstliche Intelligenz der Untoten scheint tatsächlich auf ihre übrig gebliebenen Instinkte reduziert. Vereinzelte Survival-Elemente retten den Titel dann doch vor dem tiefen Fall ins Bodenlose. Ein qualitativ gutes Spiel sollte man dennoch nicht erwarten, viel Potenzial wurde vernachlässigt und Innovationen liegen wohl unter den aufgetürmten Haufen von Untoten begraben. Wo sind beispielsweise die angepriesenen Konsequenzen durch Daryls Handlungen? Mehr als eine moralische Zwickmühle zeigt das Abenteuer nicht auf, wenn man sich kurz vor Schluss für die Rettung des einen und den gleichbedeutenden Tod eines anderen Fremden entscheidet. Vielmehr werden optionale Nebenaufträge der Kategorie "Hol mir das" eingestreut, um neue Begleiter für die Weiterfahrt zu gewinnen. An dieser Stelle hätte sich doch das Konzept einer offenen Spielwelt quasi aufgedrängt, stattdessen werden die Fahrten zwischen den Abschnitten als animierter Ladebildschirm wenig stimmungsvoll präsentiert.

Zumindest an dieser Stelle gibt es drei Auswahlmöglichkeiten: Der Highway stellt natürlich den schnellsten Weg dar, dafür stehen die Chancen auf Haupt- und Nebenstraßen deutlich höher, an Nebenschauplätze und somit auch an Vorräte zu gelangen. Außerdem wird diese Prozedur durch Verschleiß sowie Kraftstoffverbrauch unterbrochen. Dann müssen nämlich Reifen, Benzin, Kühlerschläuche beschafft und Blockaden durch simples Wegschieben liegen gebliebener Autos per Knopfdruck beseitigt werden. Die Beifahrer bleiben in diesen kurzen Abschnitten übrigens vollkommen teilnahmslos im Auto sitzen. Erst wenn der nächste Hauptschauplatz erreicht ist, werden sie aktiv – zumindest theoretisch. Mit geeigneter Waffenausrüstung und einem klaren Auftrag geht es wahlweise auf die Suche nach Benzin, Lebensmitteln oder Munition. Nach Level-Abschluss trifft sich die Fahrgemeinschaft dann wieder am Startpunkt – oder auch nicht. Deren Überlebenschance richtet sich nach wenigen Faktoren, die Faustregel lautet jedoch im Idealfall: je mehr Jäger und Sammler, desto besser. Stellenweise kann dieses Feature vernachlässigt werden weil sowohl im eigenen Inventar als auch im Kofferraum jeweils zehn Gegenstände Platz finden. Hin und wieder wird also zwangsläufig das eine oder andere Objekt zurückgelassen.

Unverzichtbar im Gepäck: Daryls effektive Bolzenarmbrust, das Messer, Sportdrinks und Versorgungspakete gegen Wehwehchen sowie schlagkräftige Nahkampfwaffen. Im Angebot sind u. a. Hammer, Eisenrohr, Machete und Baseballschläger. Mit diesem Repertoire und einer Affinität für Anschleichmanöver aus dem Verborgenen gestaltet sich das Abenteuer stellenweise sogar richtig spaßig, wenn auch unübersehbar stumpf, vorhersehbar und eintönig. Weil auch in der Survival-Spielmechanik wichtige Möglichkeiten ausgelassen werden und interessante Ideen nicht richtig funktionieren, fehlt ein durchdachtes Deckungssystem genauso wie der Abnutzungseffekt von Waffen. Kommt Daryl ins Schwitzen, wird das in der Ego-Perspektive optisch mehr als deutlich dargestellt. Spielerische Auswirkungen hat das aber nicht, obwohl die Zombies dadurch theoretisch angelockt werden sollen. Vielleicht sind sie auch viel zu sehr damit beschäftigt, bereits erledigten Kollegen beim Unsichtbar-werden zuzusehen, bevor sie an anderer Stelle wieder ungefragt und wie aus dem Nichts auftauchen, also respawnen. Als sinnvoll erweisen sich Geräuschquellen, rauschende Rundfunkgeräte oder weggeworfene Glasflaschen erregen immer wieder die Aufmerksamkeit der Beißer. Große Frustgefahr kommt durch fair verteilte, automatische Speicherpunkte nie auf, ohnehin gibt es nur einen Schwierigkeitsgrad.



Der Tod steht ihnen nicht gut

Auf Basis der mittlerweile betagten Infernal Engine, die bereits beim vier Jahre alten "Ghostbusters" keine Wunder vollbrachte, ruckelt das Geschehen häufig in den kompakten sowie schlauchartigen Schauplätzen vor sich hin. Insbesondere bei größeren Gegnermassen oder schnellen Bewegungen ist eine spürbare Verzögerung der Bildwiederholrate allgegenwärtig. Die Gründe hierfür dürften ein Geheimnis für sich sein, denn die Konsolen werden nicht bis an ihre Leistungskapazitäten ausgereizt – im Gegenteil. Zwar sorgen Orte wie das Autokino oder Sägewerk bei Nacht durchaus für Atmosphäre, verschleiern aber im Schein der Taschenlampe auch nur den Horror, der am helllichten Tag zur grausigen Gewissheit wird: Texturmatsch, wohin das wachsame Auge sieht, deutlich sichtbarer Bildaufbau im Hintergrund, schwache Schatten- sowie Lichteffekte, sterile Räume, die immer gleichen kantigen Objekte sowie staksige Animationen bei den ohnehin sehr blassen Charaktermodellen, die ebenfalls nur wenig abwechslungsreich sind. Und auch vor katastrophalen Clipping-Fehlern scheint es in diesem Videospiel des Erscheinungsjahres 2013 kein Entkommen zu geben. So kann sich der Spieler beim Verprügeln von Untoten in der Nähe von Türen, Wänden oder Regalen sicher sein, dass komplette Körperteile dort hindurch versinken. Grafisch gehört "The Walking Dead: Survival Instinct" wegen dieser Schwächen definitiv zu den unansehnlichsten Actionspielen dieser Konsolengeneration.

So klingt der Weltuntergang

Als Lichtblick bei diesem technischen Weltuntergang zeigt sich jedoch die Sound- und Musikuntermalung. Immer wieder ertönt die unverkennbare Titelmelodie der TV-Serie und lässt deren Anhänger zumindest für kurze Zeit über das grafische Debakel hinwegsehen. Andere Musikstücke laufen, bleiben jedoch dezent und kaum bemerkbar im Hintergrund. Ohnehin konzentriert man sich vielmehr auf Geräusche der Umgebung, da Zombies ihre Ankunft laut schmatzend und stöhnend ankündigen. Für eine bedrückende Endzeitstimmung wurden akustisch also weitaus weniger Fehler gemacht als im optischen Bereich, auch Effekte von Schuss- und Schlagwaffen tragen einiges zum soliden Eindruck bei. Toll für Fans: Daryls sowie Merles Spielcharakter werden von ihren Originalschauspielern gesprochen, zur englischsprachigen Tonspur fügen sich deutsche Untertitel hinzu.

  

Fazit

Eine Frage bleibt nach dem offenen Ende von "The Walking Dead: Survival Instinct" bestehen: Will man dazu überhaupt in dieser Form noch eine Videospiel-Fortsetzung? Die Antwort fällt schwer, denn der ambitionierte Titel geht viel zu fahrlässig mit seinen Möglichkeiten um. Features wurden einfach nicht zu Ende gedacht und als Ego-Shooter bleibt es beim kläglichen Versuch. Auf der anderen Seite steckt noch so viel Potenzial im Survival-Part, dass ein neuer Versuch mit einer längeren Entwicklungszeit, mehr Ressourcen und einem renommierteren Entwicklerstudio nicht ausgeschlossen scheint.

(15.05.2013)

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