Aliens: Colonial Marines

Aliens: Colonial Marines (PS3)

(Sega)

geschrieben von Christian Schmitz

 

     
 

Die Odyssee im Weltraum hat endlich ein Ende: Mit "Aliens: Colonial Marines" erscheint nach einer halben Ewigkeit der lang erwartete Ego-Shooter, der die klaffende Lücke zwischen dem zweiten und dritten Kinofilm des Science-Fiction-Klassikers als Videospiel schließen möchte. Herausgekommen ist ein unerwarteter Tiefpunkt der Kultserie.

Unlogische Marines

Dank der Zusammenarbeit mit Konzeptkünstler Syd Mead ("Aliens: Die Rückkehr"), erfahrenen Science-Fiction-Drehbuchautoren der Fernsehserie "Battlestar Galactica" sowie der Erlaubnis, originale Filmsets nachzubauen, hätten die Voraussetzungen für eine spannende Geschichte kaum besser sein können. Doch das alles verschlingende Schwarze Logikloch ist wieder da und saugt in "Aliens: Colonial Marines" jeglichen klar denkenden Menschenverstand ein. Es fängt schon bei der kurzen Introsequenz an: Niemand Geringeres als Corporal Hicks sendet eine Rettungsnachricht vom Raumschiff USS Sulaco. Und da beginnt bereits das elf Missionen andauernde Missverständnis, denn besagter Corporal dürfte nach den Geschehnissen der Kinofilme "Aliens: Die Rückkehr" und "Alien 3" nicht mehr unter den Lebenden weilen. Das Spiel versucht diesen mysteriösen Umstand noch in einer späteren Zwischensequenz zu entschärfen, driftet dadurch aber nur noch weiter ins Lächerliche ab. Kurzum: Diese Geschichte ergibt von Anfang an überhaupt keinen Sinn, durchgehend bis zum enttäuschenden Ende. In besagtem Raumschiff haben sich zu allen Überfluss noch unzählige Aliens ausgebreitet. Wie es dazu ohne eine nicht mal im Ansatz vorhandene Anzahl von Wirtskörpern kommen konnte? Das ist einfach so, man muss sich damit wohl oder übel arrangieren.

Fans der Filmvorlagen kennen die Entwicklung von Xenomorphen genauestens: Die riesige Alien-Königin legt fruchtbare Eier. Kommt ein geeigneter Kandidat dem unübersehbaren Ding zu nahe, ist es um diesen auch schon geschehen. Weil sich die spinnenartigen Facehugger schon am Gesicht des Opfers festgezurrt haben, um schließlich durch deren Hals eine Larve im Brustkorbbereich abzulegen. Innerhalb weniger Stunden oder Tage entwickelt sich dann neues Leben, das durch den Brustkorb stößt und den Austräger dadurch tötet. Der Entwicklung zur ausgewachsenen Kampfmaschine steht nunmehr nichts mehr im Wege. Außer vielleicht Colonial Marine Winter, der blasse Hauptcharakter in der Einzelspielerkampagne. Zusammen mit seiner Einheit sowie dem Synthet Bishop (natürlich mit dem bekannten Schauspielergesicht Lance Henriksen) soll die Rettung von Hicks gelingen. Nach dem schwachen Beginn auf der USS Sulaco verschlägt es die Mannschaft auf den Planeten LV-426, genauer gesagt die Einrichtung Hadley´s Hope. An dieser Stelle werden Anhänger der Filmreihe wiederum die Hände über den Kopf zusammenschlagen, sofern sie überhaupt bis hierher durchgehalten haben.

Beim Hauptschauplatz des Films "Aliens: Die Rückkehr" dürfte nämlich kein Stein mehr auf dem anderen stehen, stattdessen wirkt der durchaus atmosphärische Lichtblick so, als wären Hooligans kurz mit ihren Bengalos hindurchgelaufen. Das gesamte Spiel strotzt nur so vor üblen Logikfehlern, wobei hier nur die beiden schlimmsten aufgeführt wurden. Absoluten Neueinsteigern wird es wahrscheinlich noch egal sein, weil die Vorgeschichte beinahe völlig außen vor bleibt. Man wird als langjähriger Anhänger jedoch nie den Gedanken los, dass hier einer reizvollen Lizenz mit wenig Respekt und noch weniger Ahnung begegnet wurde.

Old-School-Trash-Shooter

Wer schon bei der Ankündigung nach spannender Survival-Action lechzte, wird im Endprodukt bitterlich enttäuscht werden. "Aliens: Colonial Marines" spielt sich überwiegend wie ein linearer Korridor-Shooter der 90er Jahre inklusive eingängiger Steuerung. Der Spielablauf gestaltet sich dementsprechend monoton: Ständig bewegen wir uns mit Teammitgliedern schlauchartig vom Anfangs- bis zum Endpunkt der Mission, ballern auf alles, was sich bewegt, bringen Selbstschussanlagen in Position, drücken hier einen Schalter, öffnen dort eine Tür auch mal per Schweißgerät, stapfen mit dem Ladungsheber durch die Pampa. Außerdem ärgern wir uns immer wieder, wie naiv und passiv unsere unverwundbaren Begleiter das alles mitmachen. Ähnlich dumme Aliens, die fast pausenlos von allen Seiten auf uns zustürmen, wollen da unbedingt mitmachen. Spielerisches Chaos ist da vorprogrammiert.

Und hier zerstört der Titel nebenbei mal wieder die behutsam aufgebaute Illusion der ersten Filmauftritte, dass Aliens beinahe unzerstörbare, gnadenlose und clevere Kampfmaschinen voller Heimtücke sein sollen. Infolge der katastrophalen künstlichen Intelligenz wird jedoch aus der Bedrohung schnell Standard-Kanonenfutter ohne Sinn und Verstand. Selbst die wenigen, unvorhersehbaren Überfälle werden durch simples Tastendrücken entschärft, Facehugger im wahrsten Sinne des Wortes wie aktuell Pferdefleisch-Lasagnen weggeworfen. Und weil alle Widersacher kurze Augenblicke nach ihrem Bildschirmtod wie von Geisterhand verschwinden, wird auch die ätzende Säure, die die Außerirdischen hinterlassen, spielerisch zu keinem Zeitpunkt genutzt. Eine Ausnahme bildet ein spezieller Gegnertyp, nämlich die Spucker. Beiläufig verkommt selbst der bekannte Bewegungsmelder zum vollkommen unbrauchbaren Utensil, spielerisch wird das Kultobjekt ohnehin kaum genutzt, geschweige denn ausgereizt.

Es wird keinesfalls besser: Die Kultbiester weichen bereits in der zweiten Mission den nicht viel klügeren Söldnern der Weyland Yutani Corporation. Auch diesen lästigen Gegnern entledigt sich der Hauptprotagonist mit acht gleichzeitig tragbaren Waffen. Vom authentischen Pulsgewehr, über Sturm- und Scharfschützenvarianten bis hin zu drei schwachen Pistolen sowie Schrotflinte oder Pump Gun. Alle Schießprügel lassen sich jederzeit per aufgesetzt wirkendem Upgrade-System verbessern, seien es nun Rückstoßverringerung, umfangreichere Magazine für Munition oder Visiere. Die unzähligen erledigten Gegner sind also doch für eine Sache gut. Wer die Augen trotz des langweiligen Spielablaufs offen hält, findet an manchen Stellen noch Erkennungsmarken, Audiologs und legendäre Waffen aus den Filmen, beispielsweise Ripley´s Flammenwerfer oder Vasquez´s durchschlagskräftige Smartgun.



Wenn sich diese besonderen Waffen kurzzeitig im Waffenarsenal befinden, geht auch schon mal ohne Rücksicht auf Verluste ordentlich die Post ab. Man könnte fast von spielerischen Höhepunkten sprechen, die wir ansonsten mit dem Mikroskop suchen müssen. An dieser Stelle kann der Mittelteil herhalten, der in Sachen Abwechslung und Atmosphäre dann doch kurz so etwas wie Potenzial aufblitzen lässt: Nachdem Winter ohne brauchbare Unterstützung und zudem noch völlig unbewaffnet vor einem besonders wilden Alien in die Kanalisation flüchtet, schleicht er sich dort vorsichtig an erblindeten Xenomorphen vorbei. Wenig später hat der nimmermüde Verfolger wieder die Fährte aufgenommen, Winter muss nun auf seiner Flucht schnell die Türen hinter sich zuschweißen. Im abschließenden Bosskampf geht es dem Vieh dank Ladungsheber letzten Endes an den Kragen.

Gespeichert wird das Geschehen durch nicht immer optimal verteilte, automatische Kontrollpunkte. So kommt es schon mal vor, dass die Spielfigur durch einen unglücklichen Granatentreffer wieder relativ weit hinten landet. Verhindern soll diese Frustmomente das Heilungssystem, eine Mischung aus ganz alten und bekannten Tugenden. Entweder liegen Medizinpakete und Rüstungen großzügig verstreut in der Gegend herum oder getroffene Gegner hinterlassen diese kurzerhand. Dabei ist die Lebensenergie in drei Balken unterteilt und regeneriert sich stufenweise, d.h., wenn die Spielfigur beispielsweise Verletzungen erleidet und die Lebensenergie im Bereich des zweiten Balkens erstarrt, dann lädt sich die Leiste nur noch bis zum Ende der zweiten Stufe automatisch wieder auf. Mit den vier wählbaren Schwierigkeitsgraden werden aber sowohl Einsteiger als auch Profis überwiegend fair bedient.

Aliens vs. Marines

Deutlich mehr Spielspaß kommt im kooperativen Kampagnenmodus für bis zu vier Spieler gleichzeitig auf, auch wenn es sich hier um das normale Einzelspielerabenteuer handelt. Durch die menschlichen Mitspieler wird das anspruchslose Erlebnis ungleich leichter, die Gegnerzahl erhöht sich kaum. Der klassische Mehrspielermodus wartet mit vier kurzweiligen Varianten auf, die jeweils den erbarmungslosen Kampf zwischen Außerirdischen und Marines aufzeigen wollen. Neben traditionellen Partien im "Team-Deathmatch", gilt es in "Vernichtung" mit einem menschlichen Team die Eier von freilaufenden Aliens auszulöschen. Als "Überlebender" ist es das einzige Ziel, Gegnerwelle nach Gegnerwelle zu überstehen. Auf der "Flucht" rennt die idealerweise vierköpfige Menschen-Einheit vom einen bis hin zum anderen Ende der Karte. Währenddessen werden leichte Aufgaben erledigt, hier ein Knopf betätigt, und da eine offenbar strategisch wichtige Stellung verteidigt.

Alle technischen Ungereimtheiten des Einzelspielermodus gelten dabei natürlich auch für die Mehrspielerpartien. Schlimmer noch, es gesellen sich zum eintönigen Leveldesign noch Steuerungsmacken der außerirdischen Rasse hinzu. Theoretisch liest es sich ungemein spaßig an Decken und Wänden herumzukrabbeln, sich durch schmale Luftschächte zu winden, wie ein gedopter Olympiasieger weiter springen zu können und reflexartig wie Fußballstar Lionel Messi dem Gegenspieler auszuweichen. Selbst durch Wände sehen können die Viecher und trotzdem hat das alles einen entscheidenden Haken, nämlich die fummelige Ausführung sowie Kameraprobleme. Als Alien hat man es einfach nicht leicht, koordinierte Angriffe werden insbesondere anfangs von Frustmomenten begleitet. Letztendlich finden eingespielte Teams aber durchaus Gefallen an den Multiplayer-Möglichkeiten.

Hässlich wie Facehugger im Gesicht

Technisch wirkt "Aliens: Colonial Marines" an allen Ecken und Enden unsauber. Grobe Schnitzer fallen dabei ähnlich fatal ins Auge wie ein Facehugger im Gesicht ihrer Opfer: Animationen von Freund und Feind wirken im wahrsten Sinne des Wortes komplett abgehackt oder Texturen benötigen zum Nachladen mitunter noch deutlich länger als bei den meisten anderen technisch unausgereiften Videospielen. Aber auch ohne diesen sichtbaren Bildaufbau bieten die Umgebungen aus schlecht ausgeleuchteten, erschreckend statischen Korridoren sowie einfallslosen Außenbereichen der Marke "Baukasten" ein ungewöhnlich matschiges und extrem detailarmes Gesamtbild ab. Zudem schwächelt das Zusammenspiel aus Licht und Schatten permanent, sodass einfach keine Gruselstimmung aufkommen will. Vielmehr wirken einige Abschnitte schlicht und ergreifend unfertig, als hätten die Entwickler hier tatsächlich stellenweise ihre abschließenden Arbeiten vernachlässigt. Weitere Indizien für schlampige Arbeit finden sich in unschönen Clipping-Fehlern: Figuren bewegen sich immer wieder ohne sichtbaren physischen Widerstand durch andere Figuren oder Objekte hindurch, Waffen sowie Feinde kündigen ihre Position nicht selten durch geschlossene Türen und Wände bereits sichtbar an. Es ist fast schon überflüssig zu erwähnen, dass unzählige Gegenstände in der Luft hängen. Durch diesen Umstand konnten wir beim Test übrigens einen Zwischenbosskampf ohne Gegenwehr gewinnen. Da staunen selbst die ausdruckslosen Charaktergesichter mit ihrer schwachen Mimik in den wenigen, unruhig geschnittenen Zwischensequenzen nicht schlecht.

Passende Musik, unpassende Sprachausgabe

Was die Optik betrifft, gilt größtenteils auch für die Soundkulisse, allerdings wartet diese mit erwähnenswerten Lichtblicken auf. So stehen eine gelungene, dynamische Orchestralmusik sowie die akustische Nachempfindung des beliebten Pulsgewehrs ganz im Gegenteil zur schwachen deutschen Sprachausgabe. Die Synchronsprecher wirken entweder lustlos oder unfreiwillig komisch, zu großen Emotionen oder gar Dramatik kommt es nicht. Dazu noch der Umstand, dass die Charaktere viel zu wenig miteinander kommunizieren: Inmitten der Gefechte und den wenigen ruhigen Passagen verschenkt "Aliens: Colonial Marines" ungemein viel an Atmosphärepotenzial. Stattdessen lassen die Marines ihr Schicksal erstaunlich kommentarlos über sich ergehen, für Stimmung sorgen lediglich die bekannten Alien-Laute, weil auch der bekannte Bewegungsanalysator viel zu selten eingesetzt wird.

Inhalte der Collector´s Edition

Während die Limited Edition mit vier spielbaren Film-Charakteren, Ripley´s Flammenwerfer sowie Marine-Ausrüstungen mit Zusatzinhalten geizt, erhalten Sammler eine Collector´s Edition mit überschaubaren Inhalten für den doppelten Preis. Herzstück dieser kompakten Box ist das ca. 20 cm große Modell eines Power Loaders inklusive Xenomorph in inniger Kampfpose. Herunterladbare Ingame-Vorzüge wie Plasma-Impulsgewehr, elektronische Schallgranaten sowie ein Übungsschießstand sind kaum der Rede wert. Ein versiegelter Umschlag beinhaltet zwei Bügelmotive, ein geheimes Missionsbriefing in Papierform, eine Polaroid-Aufnahme, die Blaupause des fiktiven Raumschiffes USS Sephora, ein Colonial-Marines-Flyer sowie eine Urkunde runden das Paket somit ab. Spürbar vermisst werden eigentlich nur Soundtrack-CD und Making-Of-Material.

    

Fazit

"Aliens: Colonial Marines" wurde während seiner langen Entwicklungszeit mehrfach eingestellt. Am nunmehr spielbaren Endergebnis kann man jederzeit nachvollziehen, warum und wieso es vielleicht besser gewesen wäre, den im Vorfeld durchaus interessanten Ego-Shooter für immer in eine Cryo-Kapsel zu stecken. Durch unübersehbare Unzulänglichkeiten wie katastrophale Technik, unfassbare Logiklöcher der Geschichte, den langweiligen Spielablauf ohne nennenswerte Höhepunkte und die letztendlich daraus resultierende schwache Atmosphäre ist dieser Ego-Shooter im kultigen Universum eine große Enttäuschung des noch jungen Videospieljahres 2013. Eingefleischte Fans sollten sich den Kauf deshalb genauso gut überlegen wie Anhänger trashiger Old-School-Shooter. (21.03.2013)


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