The Night of the Rabbit

The Night of the Rabbit (PC)

(Daedalic)

geschrieben von Christian Schmitz

 

   
 

Nach einer vielversprechenden Preview-Version hoppelt schon wenig später die Verkaufsfassung von "The Night of the Rabbit" ins Sammelregal ausgehungerter Point-and-Click-Adventures-Fans. Das fabelhafte Märchen von Daedalic und Matt Kempke ("What Makes You Tick") reizt sein Potenzial bis auf wenige Ausnahmen aus und verzaubert das Genre.

 

Fabelhaftes Märchen mit Leerlauf

Die Geschichte wird auf bezaubernde Art und Weise erzählt: Der 12-jährige Jeremias "Jerry" Haselnuss genießt die letzten Tage der Sommerferien und hat mit seiner unbeschwerten Lebensweise nur zwei Dinge im Sinn, nämlich leckeren Brombeerkuchen und Zaubertricks. Wie es der Zufall oder besser gesagt, das erste richtige Rätsel im Spielablauf, will, erscheint das menschengroße Kaninchen Marquis de Hoto und macht dem Jungen ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen kann. Als Zauberlehrling im magischen Mauswald, welches durch ein Baumportal erreichbar ist, kann Jerry seinen lang gehegten Traum erfüllen. Dieser Ort ist bewohnt von sprechenden, gut gekleideten Fabelwesen wie dem Briefträger-Frosch namens Plato, den Igelbrüdern, Füchsen, Mäusen, Eulen, Maulwürfen, Motten, usw. ...Doch der schöne Schein trügt: Für miese Stimmung sorgen finstere Krähen zusammen mit schlecht verkleideten Echsenwesen, die mit dem mysteriösen Illusionisten Zaroff paktieren. Und auch Lehrmeister Marquis de Hoto scheint ein dunkles Geheimnis zu hüten.

Nach etwa zehn bis zwölf Stunden ist der märchenhafte Ausflug nach Mauswald beendet. Insbesondere zu Beginn und im herausragenden Schlussdrittel spielt "The Night of the Rabbit" sein erzählerisches Potenzial voll aus, während sich im Mittelteil zeitweise Leerlauf breitmacht. So wirkt das Zusammentreffen mit dem Oberbösewicht Zaroff immer weiter hinausgezögert, so dass über weite Strecken ein klares Feindbild zu fehlen scheint, zumal der Titel überwiegend fröhlich-optimistische Stimmung verbreitet, bis es kurz vor Schluss zu einer interessanten Wendung und somit auch kompletten Stimmungsumschwung kommt. Dieser erscheint reichlich spät und das Abenteuer gewinnt erst in den Schlussakkorden nach spannungsarmen Stunden wieder an Esprit. Trotz kindgerechter Präsentation sollten auch alte Adventure-Hasen der Geschichte eine Chance geben, ansonsten entgeht ihnen ein märchenhaftes Erlebnis mit vielen witzigen Dialogen und Anspielungen auf Medien, Weltgeschehen und Wirtschaft.

 

Mausklicken in Mauswald

Spielerisch hat sich im Vergleich zur Vorabfassung nicht viel geändert, lediglich Hilfssysteme wie Tagebuch oder Hotspotfunktion wurden verfeinert bzw. integriert. Während Letztere sinnvoll als Münze mit Guckloch durch einen Klick hervorragend funktioniert und Interaktionsmöglichkeiten sowie versteckte Objekte in der Spielwelt optisch deutlich sichtbar anzeigt, tragen Tagebuch sowie der erste Hilfszauber namens Ratersuch mit ihren spärlichen Hinweisen nur wenig zu Rätsellösungen bei. Dadurch verkommen die überwiegend cleveren, nicht selten komplexen Rätseleinlagen für Einsteiger schnell zum Frusterlebnis, zumal immer nur ein einziger Lösungsweg zum Erfolg führt, obwohl auch andere Möglichkeiten durchaus logisch erscheinen. Beispielsweise hat der Honig im Bienenstock eine ähnlich klebrige Beschaffenheit wie Ahornsirup. Was aber im jeweiligen Fall vom Spiel als richtig erachtet wird, muss ausprobiert werden. Außerdem wird es im voranschreitenden Spielverlauf immer wichtiger, zwischen Tag und Nacht zu wechseln, weil sich bestimmte Aktionen nur zur jeweiligen Tageszeit ausführen lassen. Der Schwierigkeitsgrad richtet sich somit an Fortgeschrittene und Profis, die stellenweise ins Grübeln kommen werden.



Dabei nimmt der intelligente Mauszeiger bereits viel Denkarbeit ab, denn wie Jerry mit der Spielwelt interagieren kann - sprechend, begutachtend, benutzend - wird symbolisch angezeigt. Per Klick der linken Maustaste werden Gegenstände entweder direkt in der Umgebung oder im übersichtlichen Inventar miteinander kombiniert oder benutzt. Im Rucksack lassen sich den Objekten mit Rechtsklick nützliche Details entlocken. Der angehende Zauberer bewegt sich via Doppelklick auf die Übergänge schnell zwischen den Schauplätzen, der Briefträger Plato bietet nach Betätigung des Knackfroschs an großzügig verteilten Posthörnern eine komfortable Schnellreisefunktion an. Das Hauptaugenmerk legt "The Night of the Rabbit" auf vier Zauberfähigkeiten, die Jerry erlernen und den Großteil der Spielzeit nutzen muss. Mit Felsflüstern erweisen sich alle Statuen von Mauswald als sehr gesprächig, Grünwuchs lässt Regen beschwören oder Pflanzen wachsen, mit Fuchslist erscheinen optische Täuschungen und der Hoffnungsschimmer macht aus Trauer Fröhlichkeit. Der Weg zu diesen Fähigkeiten gestaltet sich herausfordernd, ihr Einsatz bleibt im weiteren Abenteuer jedoch überschaubar und unkompliziert.

 

Märchenhafte Schönheit

Grafisch gehört "The Night of the Rabbit" mit vielen kompakten sowie abwechslungsreichen Schauplätzen, den liebevoll gezeichneten Hintergründen und fein animierten Figuren zu den schönsten Titeln des Adventure-Genres. Dabei strotzt die Spielwelt nur so vor Lebendigkeit, punktet mit hübschen Effekten wie Schneegestöber, Sternenglanz, Sonnenschein, Polarlichtern, Nebel, fließenden Gewässern oder umherhuschenden Waldbewohnern – sowohl bei Tag als auch bei Nacht. Die Märchenwelt von Mauswald präsentiert sich jederzeit außerordentlich stimmungsvoll, selbst wenn die überwiegende bunte Farbenfröhlichkeit den finsteren Tönen weicht.

 

Überspitztes Hörerlebnis

Im akustischen Bereich setzt sich ebenfalls Lebhaftigkeit durch, wenngleich mit Schönheitsfehlern bei der deutschen Sprachausgabe. Die kindgerechte Präsentation in allen Ehren, aber Hauptfigur Jerry spricht dermaßen überspitzt und überbetont, dass es wohl letztendlich zur Geschmacksfrage wird, ob dieser Charakter den Spielern ans Herz wächst. Auf der anderen Seite fällt es auf, dass sonst fantastisch vertonte Fabelwesen mitunter unpassend wirken, wie es beispielsweise bei den Motten und Echsen der Fall ist. Dafür punktet die Soundkulisse mit treffenden Geräuscheffekten und fantastischer, variantenreicher Musikuntermalung.

 

Inhalte der Erstauflage

Der Kauf der limitierten Erstauflage von "The Night of the Rabbit" lohnt sich für Sammler: Eine handliche, schön bedruckte Pappbox beinhaltet die kompakte Hülle inklusive Wendecover. Der Datenträger wird nach der erfolgreichen Installation nicht mehr benötigt, das Spiel ist in dieser Edition von jeglichen Account-Bindungen befreit. Vielmehr setzt man auf Kopierschutzmaßnahmen mit Retro-Romantik, bestehend aus einer Zaubermünze mit roter Folie und dem Handbuch, welches im unteren Eckbereich aller Seiten mit verschnörkelten Bildnissen versehen ist. Nach wenigen Minuten wird der Spieler einmalig dazu aufgefordert, diese Bildnisse in einer bestimmten Kombination zu entschlüsseln. In allen digitalen Download-Versionen fehlt diese Code-Abfrage. Zusätzlich befinden sich noch ein beidseitig bedrucktes Poster sowie eine Soundtrack-CD mit 41 Liedern in der Hülle. Das einstündige Hörspiel "Acht Geschichten aus Mauswald" von Matt Kempke, gelesen von Gunnar Bergmann, rundet das umfangreiche Paket ab. Neben diesen physischen Beilagen offenbart das Bonusmenü des Spiels zusätzliche digitale Inhalte, z. B. Quartettkarten oder Sticker.

 

 
   
 

 


Fazit

Die Point-and-Click-Adventure-Spezialisten von Daedalic entwickeln zwar auch nur mit konventionellen Mitteln, jedoch beweisen sie zum wiederholten Mal eindrucksvoll, wie man Genre-Anhänger mit einer stimmungsvollen Spielwelt und herausfordernden Rätseln verzaubern kann. Leider werden Einsteiger mangels hilfreicher Hinweise überfordert und fühlen sich in Mauswald das ein ums andere Mal verloren. Das großartige Schlussdrittel tröstet jedoch besonders Fortgeschrittene und Profis über erzählerisch spannungsarme Spielstunden im Mittelteil hinweg.

(06.06.2013)


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