Welcome to Elderfield

Shadow PC, PC

Mit „Welcome to Elderfield“ erwartet dich ein ungewöhnliches Horror-RPG, das Farm-Simulation, rundenbasierte Kämpfe und makabren Humor zu einem einzigartigen Spielerlebnis verbindet.

 

Willkommen in Elderfield

Wenn es um Orte geht, die einem eine ordentliche Gänsehaut verpassen, denken viele vermutlich zuerst an Urk. Ich muss allerdings zugeben, dass das Städtchen Elderfield das niederländische Dorf für mich vom Thron stößt. Hier gibt es kaum eine Spur von Normalität: Du lebst seit Jahren in der Stadt, doch niemand erinnert sich wirklich an dich – und umgekehrt. Gerade hast du die Schule abgeschlossen und plötzlich jede Menge Zeit. Was also tun? Zum Glück triffst du auf den Bauern Hans, der in seinem eigenen Haus feststeckt, weil seine Knochen unaufhörlich weiterwachsen. Da er inzwischen nicht mehr durch die Tür passt, bittet er dich, sich um seinen Hof zu kümmern. Eine perfekte Gelegenheit, etwas zu tun zu haben und dabei möglichst nicht den Zorn der Götter auf dich zu ziehen. „Welcome to Elderfield“ ist ein Lebenssimulations-RPG, das gemütliche Tätigkeiten wie Ackerbau, Kochen und Angeln mit rundenbasierten Kämpfen verbindet. Gleichzeitig spielt das Spiel immer wieder mit Zufall und Glück: Beute, Statuseffekte und bestimmte Fähigkeiten hängen vom Ergebnis eines sechsseitigen Würfels ab. Dadurch entsteht ein Spielgefühl, das stark an ein klassisches Tabletop-Rollenspiel erinnert – für mich definitiv einer der Pluspunkte. Auch beim Überleben musst du Entscheidungen abwägen. Gesundheit stellst du beispielsweise durch Essen oder Duschen wieder her. Eine Dusche zu Hause füllt deine Lebensenergie vollständig auf, lässt allerdings auch sämtliche Monster in den Minen, im Einkaufszentrum und in der Kanalisation zurückkehren. Manchmal ist es deshalb sinnvoller, mit halber Gesundheitsanzeige weiterzuziehen oder gleich drei Hotdogs zu verdrücken, anstatt alles erneut erledigen zu müssen. In Elderfield zählt eben nicht nur Glück, sondern auch ein gutes Gespür für die richtige Entscheidung.

Gemütlich war gestern

„Welcome to Elderfield“ bezeichnet sich selbst als „gemütliches Horror-RPG“. Zwar sind alle klassischen Elemente einer Farm-Simulation vorhanden, doch mit dem Begriff „gemütlich“ solltest du vorsichtig sein. Denn das Spiel ist weit mehr als eine Farm-Simulation mit ein paar Horrorelementen. Während Kämpfe in Genrevertretern wie „Stardew Valley“ eher eine Nebenrolle spielen, stehen sie hier klar im Mittelpunkt – und haben es ordentlich in sich. Wie hart das Spiel sein kann, zeigt bereits eine Errungenschaft: „Tis But a Flesh Wound“ erhältst du erst nach 100 Toden. Und wenn du nicht aufpasst, kann es erstaunlich schnell so weit sein. Viele Gegner lassen sich grundsätzlich gut besiegen, verursachen ohne die passende Ausrüstung jedoch erheblichen Schaden. Außerdem kehren sie zurück, sobald du zu Hause unter der Dusche deine Gesundheit vollständig wiederherstellst. Nach einigen Stunden bist du deutlich besser ausgerüstet und kannst viele der frühen Gegner sogar mit einem einzigen Treffer erledigen. Größeren Kreaturen solltest du anfangs dagegen besser aus dem Weg gehen – gegen sie hast du schlicht keine Chance. Dadurch wird auch die Erkundung zu einer ständigen Risikoabwägung. Wagst du dich schon jetzt in einen abgelegenen Bereich oder wartest du lieber, bis du bessere Ausrüstung hergestellt, gefunden oder gekauft hast? Selbst scheinbar harmlose Tätigkeiten wie Bergbau oder Holzhacken sind nicht ungefährlich: Trümmer können dich verletzen oder plötzlich taucht ein Monster aus dem Nichts auf. Entspanntes Sammeln und gemütliches Farmen, wie du es aus anderen „Cozy Games“ kennst, gibt es hier nur selten. Umso wichtiger ist es, genügend Essen dabeizuhaben. Pizza, Hotdogs und Salate füllen deine Gesundheit wieder auf und lassen sich ganz stilecht selbst zubereiten. Im Laufe des Spiels schaltest du immer mehr Rezepte frei und verbesserst damit gleichzeitig deine Überlebenschancen. Stirbst du dennoch, wachst du wieder in deinem Schlafzimmer auf und sämtliche Monster der Welt sind zurück. Beim ersten Tod verlor ich nichts, beim zweiten drei Goldstücke und beim dritten bereits sieben. Und Monster sind längst nicht die einzige Gefahr: Einmal hat mich sogar ein schlechter Würfelwurf im Schlaf das Leben gekostet. Ich musste mich zunächst daran gewöhnen, ständig auf der Hut sein zu müssen – schließlich hatte ich aufgrund der Bezeichnung als „gemütliches Horror-RPG“ etwas völlig anderes erwartet. Nach ein paar Stunden ließ ich diese Erwartungen jedoch hinter mir und war voll im Spiel angekommen. Die permanente Gefahr motiviert dich nämlich, deine Ausrüstung, Zaubersprüche und Kampffähigkeiten kontinuierlich zu verbessern. Genau dieser ungewöhnliche Mix aus Farm-Simulation, Horror und anspruchsvollen Kämpfen macht „Welcome to Elderfield“ letztlich so interessant.

Düsterer Pixel-Horror

Optisch setzt „Welcome to Elderfield“ auf einen Pixelstil, der durch deutlich detailliertere Porträts der Stadtbewohner und aufwendig gestaltete Kampfszenen ergänzt wird. Gerade diese Illustrationen tragen viel zur unheimlichen Atmosphäre bei. Der Stil erinnert klar an Horror-Manga: dunkle Schatten, kräftige schwarze Linien und Figuren, deren Gesichtsausdrücke weniger niedlich als vielmehr von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung geprägt sind. Der reduzierte Pixel-Look passt hervorragend dazu. Auch die Farbgebung unterscheidet sich deutlich von klassischen Farm-Simulationen. Statt leuchtender Farben erwartet dich eine dunkle und eher ungesättigte Welt. Dabei setzt das Spiel nicht ausschließlich auf offensichtliche Schockmomente. Oft sind es gerade die kleinen Details, die Elderfield beunruhigend wirken lassen: Blut an der Tür einer Wohnung, Tentakel in einem Wohnzimmer oder eine scheinbar alles verschlingende Leere. Gleichzeitig sorgen absurde Dialoge und skurrile Handlungsstränge für einen makabren Humor, der dich immer wieder unbehaglich kichern lässt. Genau diese Mischung macht die Erkundung so spannend. Hinter jeder Tür könnte etwas völlig Unerwartetes lauern. Gleichzeitig fragst du dich ständig, ob du einen bestimmten Bereich bereits betreten solltest oder lieber wartest, bis deine Ausrüstung besser ist. Selbst alltägliche Details tragen zum Charme bei. So sprintest du beispielsweise nicht durch die Stadt, sondern fährst mit dem Fahrrad durch die Straßen. Auch bei der Steuerung und beim Speichern hat das Spiel einige angenehme Komfortfunktionen zu bieten. Das Sprinten lässt sich in den Einstellungen auf einen Umschaltmodus umstellen, sodass du die Umschalttaste nicht dauerhaft gedrückt halten musst. Einmal aktiviert, bleibt der Sprint sogar beim Wechsel des Stadtteils oder nach dem Schlafen bestehen. Besonders praktisch ist außerdem das flexible Speichersystem: Zwar kannst du weiterhin am Bett speichern, musst dafür aber nicht erst einen kompletten Tag beenden. Musst du plötzlich aufhören, speicherst du einfach und setzt später genau dort weiter. Abgesehen von einem kleinen Fehler sind mir dabei kaum technische Probleme aufgefallen. Bei bestimmten Gegenständen wird der Untersuchungstext gelegentlich doppelt angezeigt, wodurch ich einige Items sogar zweimal erhalten habe. Das hat sich zwar eher zu meinem Vorteil ausgewirkt, kann aber bei wiederholten Monologen etwas nervig werden. Insgesamt bleibt dieser kleine Bug jedoch eine unbedeutende Randerscheinung.

Trailer


Fazit

Alles in allem ist „Welcome to Elderfield“ ein außergewöhnliches Gesamterlebnis, das dich zunächst mit seiner bizarren Ästhetik aus schleimigen Tentakeln, dunklen Bildern und absurden Details in seinen Bann zieht, dich aber vor allem durch sein ungewöhnliches Gameplay festhält. Auch wenn ich mich gerade zu Beginn erst daran gewöhnen musste, ständig auf der Hut zu sein, haben mich die düstere Atmosphäre und das anspruchsvolle Gameplay schnell überzeugt. Entwickler Chris Cote gelingt es bemerkenswert gut, Humor, Horror und ruhige Momente miteinander zu verbinden. Gerade weil sich „Welcome to Elderfield“ nie vollständig zwischen gemütlicher Lebenssimulation und verstörendem Horror entscheiden will, entsteht ein einzigartiges Spielgefühl, das gleichzeitig entspannend und unbehaglich wirkt. Niemand verlässt Elderfield – und ehrlich gesagt möchte ich diesen seltsamen Ort auch gar nicht verlassen.


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