Shadowrun Returns (PC)

In der Vergangenheit versuchten sich bereits einige Entwickler mit einer Konsolenumsetzung des Rollenspiels "Shadowrun". Im Jahr 2007 erschien der letzte Titel der Reihe für die Xbox 360 und spaltete die Fangemeinde. Der Schritt vom Rollenspiel zum Ego-Shooter stieß bei vielen Spielern auf Unverständnis und konnte den Erwartungen an die Serie nicht gerecht werden. Entsprechend skeptisch wurde die Ankündigung eines neuen Serienablegers aufgenommen, als dessen Finanzierung über Kickstarter begann. Versprechungen, an die alten Serienteile anzugliedern, brachte dennoch genügend Fans dazu, dieses Projekt zu unterstützen. Ob Harebrained Schemes, die Initiatoren und Entwickler in dieser Kampagne, an alte Erfolge anknüpfen können und ob Fans auf Ihre Kosten kommen, klärt dieser Test.

 

Düstere Aussichten

In der Welt von Morgen herrschen Großkonzerne über das Leben der Menschen in den Metropolen.In einer Zeit, wo Politik nur noch als Fassade dient, ist die Kluft zwischen Arm und Reich größer denn je und den sprichwörtlichen "Platz an der Sonne" können sich nur die Oberen Zehntausendleisten. Für die restliche Bevölkerung hingegen entbrennt in der Lowertown, den Slums der Großstädte, jeden Tag aufs Neue der Kampf ums Überleben.

Die Runner genannten Söldner sorgen hinter der sauberen Fassade der Großkonzerne dafür, dass deren Einflussbereich stetig wächst. Spionage, Sabotage oder die sogenannten "Wetworks" (Auftragsmorde) sind in dieser Branchenicht nur ein gängiges Mittel, sondern haben sich auch zu einem lukrativen Geschäftszweig entwickelt. Genau hier beginnt das Abenteuer, willkommen in der Welt von "Shadowrun".

 

Story

Das Spiel beginnt mit der Nachricht eines alten Bekannten. Er bittet Euch um die Aufklärung seines Mordes. Ganz recht, der Gute ist tot. Eine Totmannschaltung (engl. Dead Man´s Switch) sorgte bei seinem Ableben dafür, dass sein letzter Wille via E-Mail an Euch gesendet wurde. Für das Aufspüren seines Mörders, tot oder lebendig, bietet er euch die stattliche Summe von 100.000 New-Yen. Der alten Zeiten wegen und natürlich nicht zuletzt wegen des Geldes streift ihr von nun an als Rachenengel durch die Lowertown von Seattle und macht Euch auf die Suche nach den Verantwortlichen.

Eure Ermittlungen beginnen in der örtlichen Leichenhalle, seinem letzten bekannten Aufenthaltsort.Dass der Obduktionsbericht auf einen gewaltsamen Tod hinweist, ist in dieser Branche nicht außergewöhnlich, wäre da nicht das Fehlen eines Organes, welches bei einem Ritualmord entfernt wurde.

 

Gameplay

In ihrer Präsentation für die Kickstarter-Kampagne versprachen die Entwickler von Harebrained Schemes, bei "Shadowrun Returns" zurück zu den Wurzeln der Serie zu kehren. Auf den ersten Blick ist ihnen dies zu gut gelungen. Beim Starten des Titels wird man direkt in die Zeit der 90er Jahre zurückgeworfen. Eine Zeit in der Charakterentwicklung noch in jedem kleinen Detail bestimmt werden musste. Bevor Ihr Euch also in das Abenteuer stürzen könnt, müsst Ihr einen "Helden" erschaffen.

Hierzu stehen nach dem Baukastenprinzip fünf Rassen, nämlich Mensch, Elf, Zwerg, Ork oder Troll, in beiden Geschlechtern mit insgesamt 19 vorgefertigten Spielfiguren zur Verfügung, welche zwar abwechslungsreich gestaltet sind, sich jedoch kaum verändern lassen. Dass der große "Pen-and-Paper“-Bruder hier Pate steht, merkt man daran, dass selbst die Gebräuche, etwa als Runner oder Gangmitglied, bestimmt werden müssen. In den Dialogen mit diesen Gruppen stehen Euch von nun an weitere Antwortmöglichkeiten zur Verfügung, was Euch bei der Fahndung nach dem Mörder mit zusätzlichen Informationen versorgt oder gar einen alternativen Lösungsansatz aufzeigt.

Ausgangspunkt des Spiels ist die "The Seamstresses Union" genannte Bar, welche nicht nur mit leichten Frauen und kalten Drinks lockt. Habt Ihr erst einmal das Vertrauen der Besitzerin gewonnen, werden Euch alle Vorzüge des Runner-Unterschlupfes offen gelegt. Händler bieten hierdiverse Waffen und Rüstungen feil und Informanten locken mit Aufträgen oder Nebenmissionen. Durch diese wächst nicht nur Euer Kontostand, auch die Karma genannten Erfahrungspunkte erhaltet Ihr bei erfolgreichem Abschluss.

Die Welt von "Shadowrun Returns" besteht aus einzelnen, sehr linear aufgebauten Arealen. Zwar ist es möglich, dort weitere Auftraggeber oder Händler zu finden, wirklicher Entdeckungsdrang stellt sich auf den meist kleinen Karten jedoch nicht ein. Da stört es auch nicht weiter, dass man einmal besuchte Levels nicht noch einmal betreten kann.

 

Das Missionsdesign

Das Missionsdesignist zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und erweist sich als auf den ersten Blick als sehr abwechslungsreich. Ausschalten oder Retten von Zielpersonen, das Stehlen von Gegenständen oder das Hacken von Datenbanken sind nur einige Aufgabenbereiche eines Runners.

Leider täuscht hier die Präsentation der einzelnen Aufgaben über deren immer gleichen Inhalt hinweg. Eine willkommene Abwechslung sind hier die Nebenmissionen. Die zusätzlichen Ziele verlangen u.a. das Vermeiden von zivilen Opfern oder das Hinauszögern eines Gefechtes, bis die feindlichen Server infiltriert wurden. Letzteres dient der Informationsbeschaffung und ist nur möglich, wenn man sich in die Matrix begibt. Einmal in den Server eingehackt, müsst Ihr Euch gegen feindliche Programme und Firewalls behaupten. Diese Virtuelle Realität erinnert stark an den Filmklassiker "Tron" aus den 80er Jahren. Leider ist das Hacken im Grunde aufgebaut wie die restlichen Gefechte und sorgt nur kurzzeitig für Abwechslung.

Solltet Ihr bei Euren Missionen erfolgreich sein, winken Karma-Punkte, welche sich in neue Skills oder Attribute investieren lassen. Spezialisierung als Magier oder doch lieber der breit gefächerte Alleskönner? Diese Entscheidung liegt ganz bei den Vorzügen des Spielers und kristallisiert sich meist in den ersten Spielstunden heraus. Leider gibt es diesen Freiraum nur bei eurem Hauptcharakter, da die restlichen der vier Party-Mitglieder meist Söldner sind, die nur für den anstehenden Auftrag angeworben werden können. Nach jeder Mission verschwinden diese zusammen mit ihrem Gehaltscheck.

Sollte sich eine Mission mal schwerer darstellen als erwartet, lassen sich die Charakterwerte auch durch bio-mechanische Implantate aufwerten. Die Vorteile der Cyberware müssen teils hart erkauft werden. So verlängert sich beispielsweise beim Magier die „Cooldown“-Phase und die Anzahl der ausgerüsteten Zaubersprüche wird reduziert. Sind die Vor- und Nachteile ab gewägt ist die Kombination aus beiden der Schlüssel zum Sieg.

Das Aufeinandertreffen der feindlichen Fraktionen endet zwangläufig in einem rundenbasierenden Gefecht. Hierbei stehen sich beide Parteien in einem abgegrenzten Areal gegenüber und vollziehen ihre Aktionen der Reihe nach. Jeder Angriff, jede Bewegung und jeder Zauber kosten meist Aktionspunkte. Sind diese aufgebraucht, wird automatisch zum nächsten Charakter gewechselt, bis der Gegner an der Reihe ist und zum Gegenschlag ausholt.Zwar sind nur wenige verschiedene Aktionen möglich, jedoch sind die Kämpfe nicht in feste Phasen unterteil. So kann während des Zugs jederzeit das eigene Team verschoben werden oder zum Angriff übergehen bzw. Deckung suchen.

Leider kann hier von taktischer Tiefe nicht die Rede sein. Die meisten Gefechte lassen sich dadurch gewinnen, den Gegner in Schussweite zu bringen. Taktisches flankieren oder verschanzen ist trotz des Deckungssystems nicht möglich, da die meisten Arten von Deckungen meist nur optisch dargestellt werden, aber nicht vor Feindbeschuss oder Angriffendurch Magie schützen. Die gegnerische KI tut ihr Nötiges, um den Spieler nicht sonderlich zu fordern und agiert selten intelligent. Da kommt es auch schon mal vor, dass sich das gegnerische Team selbst dezimiert.Dadurch verkommen, die spannend inszeniertenKämpfe,oft zu einer uninspiriertenBallerei ohne jeglichen Tiefgang.

 

Grafik / Sound

Grafisch stechen als Erstes die handgezeichneten Hintergrundbilder hervor. Hier sieht man den Designer dieLiebe zum Detail an. Leuchtreklamen und Wettereffekte vertiefen darüber hinaus diesen Eindruck und runden das Gesamtbild ab.Trotzdem wirken die meisten Schauplätze mit ihren vielen Bewohnern leblos. Dies lässt sich auf die mangelnden oder gar fehlendenAnimationen zurückführen. Beispielsweise sind in einer stark besuchten Bar nur zwei Tänzer, eher schlecht als recht, animiert. Die restlichen Besucher hingegen verharren bewegungslos auf der Stelle. Dies sind leider keine Ausnahmen und durchziehen das gesamte Spiel.

Ähnlich verhält es sich bei der Soundkulisse. Der Soundtrack ist gut gewählt und passt sich den Situationen im Spiel an, manche Szenen lassen dennochSoundeffekte vermissen, welche man in einer solchen Umgebung erwarten würde.

Ein wenig Feinschliff hätte diesen Passagen deutlich mehr Glaubwürdigkeit und Atmosphäre verliehen.Die Tatsache, dass auch keinerlei Dialoge vertont sind, könnte an dieser Stelle auch negativ gewertet werden. Alle Gespräche, Umgebungsdetails und selbst das Verhalten der NPCs wird nur in Dialogfenstern dargestellt. Dennoch machen die Schreiber hier einen hervorragenden Job. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, lesen sich die Textpassagen wie einThriller und das nicht zuletzt wegen der fesselndenStory.Mit ihrer Thematik und dem schwarzen Humor richtet sich diese - trotz der USK-12 Freigabe - an ein erwachsenes Publikum und gibt auch Serienneulingen genügend Informationen an die Hand.

 

Mehrspieler

Das Spielerlebnis von "Shadowrun Returns" ist ganz klar auf den Singleplayer ausgelegt und so überrascht es auch nicht, dass es weder einen LAN- ,noch einen Online-Modus gibt. Das einzige Online-Element, wenn man so will, ist der Map-Editor, mit welchem sich Levels oder ganze Kampagnen erstellen und online mit der Community tauschen lassen. Zum Zeitpunkt des Tests waren schon einige Kampagnen erhältlich. Wer lieber auf offiziellen Nachschub wartet, sollte sich bei Steam umsehen. Dort ist "Shadowrun Dragon fall", die erste Zusatzkampagne für "Shadowrun Returns" bereits verfügbar und verlängert die Spielzeit um weitere zwölf Stunden.

Für Langzeitmotivation sollte dadurch gesorgt sein. Ob es zwingend notwendig ist, für jede Kampagne einen neuen Charakter zu erstellen oder ob sie importiert werden können, lässt sich zum Zeitpunkt des Tests nicht sagen.


Fazit

Als Fan der Serie war ich im Bezug auf "Shadowrun Returns" sehr skeptisch. Zwar hielten sich die Macher von Harebrained Schemes nahe an der Vorlage, das Ergebnis kann jedoch nicht vollends überzeugen. Es fehlt dem Titel an feinschliff und so wirkt das Spiel an vielen Ecken schlichtweg unfertig. Trotz seiner "Indie"-Herkunft stechen fehlende Animationen, Soundeffekte und Sprachausgabe stark hervor. Dies sollte bei einem Spiel im Jahre 2014 nicht mehr der Fall sein. Alles in allem würde ich Fans der Serie diesen Titel empfehlen, alle anderen sollte erst einen ausgiebigen Blick darauf werfen. (Bastian Schieder)


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Shadowrun Returns (PC) - Screenshots zum DLH.Net-Review
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